Martina Geiger‑Gerlach

warten

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»Im Übrigen sollen soweit wie möglich Arbeitsgelegenheiten bei staatlichen, bei kommunalen und bei gemeinnützigen Trägern zurait sonst nicht, nicht in diesem Umfang oder nicht zu diesem Zeitpunkt verrichtet werden würde.« (Asylbewerberleistungsgesetz, §5 Arbeitsgelegenheiten)

Das Angebot zur freien Mitarbeit an meiner Langzeitperformance ›warten‹ ist der Versuch, dieser Aufforderung im Asylbewerber-leistungsgesetz nachzukommen. Die Umsetzung des Vorhabens bringt eine ganze Werkreihe hervor.

Partizipative Langzeit-Performance | 2014
25 Stunden
Leerstehender Weltbild-Laden
Aushang »Künstlerin sucht internationales Team« D,F,E | Info-Abend | amtliches Meldeformular | Mitarbeiter*innen-Listen gerahmt | unterschiedliche Stühle | Getränke | Münzgeld

mit
Abbas Tonkin
Admir Dendic
Agaji Johnson Marvel
Ahmed Saouli
Alieu Danso
Ameyo Sowodu
Cecile Aziako
Chanceline Feudjio
Comfort Michael
Demir Ramadanov
Destiny Michael
Esther Bimbola Ajayi
Ganiou Kondo
Hakim Yasser
Holali Kpeglo
Jackline Belonde Bokwe
Marta Ramadanov
Mohammed Jagada
Mohammed Toure
Odey Johnson Marvel
Rebecca Afi Abokanou
Saidi Siaf Khmissi
Seedy Camara
Sofka Mircheva
Tamar Nene Bokwe
warten
Ellwangen, Juli 2014
Im ca. 250 m2 großen, leeren, weiss gestrichenen ehemaligen ›Weltbild‹- Laden sitze ich und warte. Für potentielle Mitarbeiter*innen stehen 20 unterschiedliche Stühle bereit. Kurz nach 10 Uhr treffen die ersten Interessent*innen ein. Ich erkläre nochmals die Tätigkeit: eine offene Bühne, auf der jeder nach Bedarf arbeiten und seine selbst definierte Rolle entwickeln kann. Auch das Setting kann jederzeit verändert oder gestaltet werden. Meine Rolle ist passiv da zu sein, keine Impulse zu geben, zu begleiten.
Wir beginnen mit der Arbeit, einen Platz einnehmen, stehen oder hin und her gehen. Wohin mit dem eigenen Körper?
Entlang dem Schaufenster führt eine schmale Einbahnstrasse, vorbeigehende Fussgänger und langsam fahrende Autos. Den Passanten zeigt sich ein Schaufensterbild aus übereinander liegenden Reflexionen des Innen- und des Außenraums, die Innenbeleuchtung bleibt ausgeschaltet, so bleibt die spiegelnde Schutzschicht erhalten. Erst beim Nähertreten an die Scheibe werden der Innenraum und die darin Wartenden deutlich, die Schauenden auch.
Meine immer gleiche Arbeitskleidung ist ein T-Shirt mit Peace-Zeichen. Das Handy auf dem Stativ filmt beiläufig, es erfasst die Hälfte des Raumes, wer nicht gefilmt werden möchte, arbeitet im anderen Teil, jeder kann den Ausschnitt der Aufnahme verändern.
Betreten Besucher*innen die offene Bühne werden sie zu Gastspielern, eine angemessene Position suchend. Sie werden angesehen, ignoriert oder aufmunternd hereingewunken und sind in jedem Fall gefordert sich zu verhalten. Sind alle Anwesenden Performer*innen? Oder Ausstellungsbesucher*innen?
Die freien Mitarbeiter*innen tragen wechselnde Arbeitskleidung.
Ein Besucher kommt mit zwei Gitarren und einem Verstärker, setzt sich zu einer Gruppe Wartender, es wird geklimpert, höfliches Interesse. Dann wartet wieder jeder für sich.
Nach vielen gemeinsam verbrachten Stunden wissen wir kaum etwas voneinander, unsere mangelnden Sprachkenntnisse machen das Erzählen unmöglich, doch die Zeit schafft eine andere Form der Nähe, die ungewöhnliche Situation auch.
Es werden keine erkennbar neuen Rollen, Interventionen oder Strategien entwickelt. Die Arbeitszeit wird immer verlängert, einmal warten wir acht Stunden. Ich werde immer wieder um die Fortführung der Arbeitsgelegenheit gebeten. Wegen des Geldes aber vor allem wegen des großen Aufenthaltsraumes.
Das Bezahlen der 1,05.- €/Std. ist der gefürchtete Moment meines Tages, nervöses Gedränge um mich herum. Ich bin zur Arbeitgeberin mit beschämenden Konditionen geworden, führe täglich einen Akt des Asylbewerberleistungsgesetzes auf. Die auszuzahlende Aufwandsentschädigung trägt jeder selbst in meine Liste ein, auch die Kinder werden bezahlt, eine hilflose Geste. Und was tun mit falschen Einträgen?
Ich zähle die Münzen einzeln auf die Hand des Empfängers, genaues Mitzählen, vor Nervosität fällt mir immer wieder ein Geldstück auf den Boden, viele bücken sich. Feierabend, alle gehen.